Namen von Zwangsarbeitern in die Gegenwart geholt

Schüler des Osterlandgymnasiums säubern vor der Gedenkveranstaltung am 6. April Gräber von Naziopfern
Text von Elke Lier
Gera. Bemoost sind die Grabsteine der einstigen Zwangsarbeiter und der Kinder der Ostarbeiterinnen, verdeckt ihre Namen. Vom kleinen Pjotr, der nur zwei Tage alt wurde, über den 15-jährigen Alexej bis zur 72jährigen Anastasia liegen auf den Gräberfedern des Ostfriedhofs die 220 Toten der Zwangsarbeit in Gera, Opfer des Nationalsozialismus vor mehr als 80 Jahren. 42 Schüler Osterlandgymnasiums leisteten am 27. März Erinnerungsarbeit und machten die Namen der aus der damaligen Sowjetunion und Polen nach Gera deportierten Menschen wieder sichtbar.
„Wenn ich die Geburts- und Todesdaten lese, stelle ich mir den Menschen dahinter vor und wie er gelitten hat“, sagt Josefine Taubert, aus der Klasse 10 a wie Bennett Böhme, der Respekt empfindet, „vor dem, was diesen Menschen hier angetan wurde.“ Eine Woche zuvor hatten die Zehntklässler im Geschichtsunterricht erfahren, dass in Gera etwa 3000 Zwangsarbeiterinnen und-arbeiter sowie Kriegsgefangene vorwiegend in der Rüstungsindustrie, aber auch in der Landwirtschaft, bei der Stadt und in Privathaushalten eingesetzt waren. Wie sie dort schufteten, hungerten und auch starben. Diese erpresste Arbeit der brutal aus ihrer Heimat gerissenen Menschen wurde von den meisten Geraer Einwohnern als normal angesehen, dabei war sie das größte öffentliche Verbrechen der Nazis. Referendarin Johanna Nagy-Meyer schrubbte mit ihren Schülern die Grabplatten: „Nicht nur ein Denkmal anschauen, sondern praxisnah etwas für die Erinnerungskultur tun, das regt zum Nachdenken über diese Zeit an. Zwangsarbeit ist jetzt in allen Köpfen.“
Nachdenklichkeit bei Alten und Jungen
Unterstützt wurden die Jugendlichen von Geraern im Großelternalter. Mitglieder vom Friedensbündnis Gera, dem Freundeskreis für Flüchtlinge und die Omas gegen Rechts hatten sich der Aktion angeschlossen. „Hier wird mir sehr bewusst, dass ich mein ganzes Leben im Frieden verbringen durfte und wie dankbar ich dafür bin und gleichzeitig besorgt über die gefährliche weltpolitische Lage“, stellt Regina Scheler vom Friedensbündnis fest. „Gute Sache, dass hier die Schüler mitmachen.“ Rita Pommer, Oma gegen Rechts, verurteilt „das Verbrechen, das auch hier in Gera stattgefunden hat. Man müsste immer noch die Betriebe zur Rechenschaft ziehen.“
Auf dem Gräberfeld der toten Kinder der Ostarbeiterinnen arbeitete Peter Herrmann vom Freundeskreis für Flüchtlinge: „Mein Vater war Antifaschist, ist damals knapp mit dem Leben davongekommen, weil er eine jüdische Lebensgefährtin hatte. Diese Zeit soll nicht vergessen werden.“ Die 16jährige Emilia Dionofrio sagte angesichts der Kindergräber: „Ich denke jetzt so richtig über dieses Sterben nach und bin froh, dass ich meine Jugend erleben darf.“ Shefaa Bilal, die mit ihren Eltern aus Syrien geflüchtet ist, spricht aus Erfahrung: „Mein kleiner Bruder wurde auf der Flucht viel zu früh geboren. Mütter brauchen Ruhe und genug zu essen, damit ihre Kinder leben können.“
Am 6. April wird auf dem Ostfriedhof aller hier bestatteten 1326 Opfer des Zweiten Weltkrieges gedacht. Unter den Toten des schlimmsten Luftangriffes auf Gera vor 81 Jahren waren auch 16 Zwangsarbeiter. Ihnen blieben die schützenden Luftschutzbunker verwehrt.



Bildtexte:
- Auch die Kindergräber der Ostarbeiterinnen wurden vor der Gedenkveranstaltung am 6. April gesäubert. Vorn: Peter Herrmann vom Freundeskreis für Flüchtlinge. Foto: Angelika Kemter
- Die Gräber der Zwangsarbeiter pflegen (v.l.) Theo Brumm, selbst einmal Lehrer am Osterlandgymnasium, Ronja Kühnel, Josefine Taubert, Referendarin Johanna Nagy-Meyer und Angelika Kemter. Foto: Elke Lier
- Gräberfeld der Zwangsarbeiter auf dem Ostfriedhof. Foto: Elke Lier
- Moos verdeckt an vielen Steinen die Namen. Foto: Elke Lier